Der kritischste Artikel über Superlative aller Zeiten

Die Krone setzte sich der “Kicker” auf, Ende der Hinrunde: “Superlative mag Domi Kumbela (28) nicht, seine Antworten wirken immer eher bedächtig und zurückhaltend”, stand dort im Einstieg eines Artikels über den Braunschweiger Dauerknipser. Und als ich gerade dachte, schön, eine leise Kritik an Superlativen – da las ich weiter: “‘Ich fühle mich fitter und besser als je zuvor’, sagt Braunschweigs Deutsch-Kongolese”. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! So weit ist es schon gekommen, dass ein Zeitungsredakteur einen Superlativ nicht mal mehr als solchen erkennt, weil es nicht der maximalst vorstellbare Superlativ ist.

Wo man hinschaut, man wird überhäuft mit Superlativen: “Schönstes Tor aller Zeiten”, “Geilste Parade der Fußballgeschichte”, “Witzigster Freistoß seit Erfindung des Sports”, “Bester Spieler seit Pélé”, “Brutalstes Foul seit Menschengedenken”. Besonders bei Facebook und Twitter versuchen allerlei Fußball-Seiten ihre Videos und Geschichten mit immer tolleren Überhöhungen zum Klickmonster zu machen. Aber auch in den Zeitungen und ihren Online-Auftritten gibt es häufig keine Chance, der Superlativierung zu entkommen. Kaum ein Tag ohne ein Spektakel, eine Sensation, eine Blamage, einen Skandal; jeder Regionalligakicker ist ein Star, jedes Tor ein Traumtor, jedes 4:1 ein Kantersieg, kaum ein Adjektiv kommt mehr ohne die magische Endung -ste aus.

Das führt vor allem dazu, dass die wirklich besonderen Dinge nicht mehr besonders sein können. Es gibt für sie keine Bezeichnung, da schon für jedes etwas außergewöhnlichere Ereignis alles verpulvert wird, was die deutsche Sprache hergibt. Mal abgesehen davon, dass es für das “schönste Tor aller Zeiten” kaum sachliche Argumente gibt, missachtet jeder Superlativ, dass es im Fußball schon sehr viele Außergewöhnlichkeiten gegeben hat.

Wer vom “Lustigsten Abstoß aller Zeiten” schreibt, wenn ein Torwart den Ball ins eigene Toraus drischt – der vergisst, dass es schon vorher Torhüter gab, die das taten. Und dass es auch schon Keeper gab, die sich den Ball selbst reingeworfen haben. Und wenn er es nicht vergessen hat, sondern einfach nur Superlative nutzt, um Leser zu ködern, dann ist das mindestens genauso traurig wie das Unwissen über frühere Besonderheiten.

Es gab schon Schüsse aus 45 Metern in den Winkel, Fallrückzieher aus 20 Metern oder Flugkopfballeigentore knapp über der Grasnabe. Demnach ist nicht jeder schöne Schuss vom Strafraumeck in den Winkel gleich die größte Offenbarung seit Erfindung des rollenden Leders und auch kein “Tor des Jahres”, “Tor des Jahrzehnts” oder “Tor des Jahrhunderts”. Einzig bei einem wirklich bemerkenswerten Treffer wie dem Fallrückzieher von Zlatan Ibrahimovic können wir über solche Termini diskutieren.

Es ist nicht so, dass diese Superlativierung nur im Fußballjournalismus vorkäme (und übrigens auch nicht in allen Redaktionen) – vor allem in Lokalredaktionen greift sie schon seit Jahren um sich, häufig um eher unbedeutenden Ereignissen eine gesellschaftliche Relevanz zu verleihen und dem Leser zu sagen: es gab nie etwas größeres, das musst du lesen! Auch dort wimmelt es vor Spektakeln, die Eventisierung, die Boulevardisierung macht selbst vor einem Kinderfest oder einer Pferdeausstellung nicht Halt. Politiker sind sich nicht zu blöd von der “besten Bundesregierung seit …” zu sprechen. Musikbands machen ein Best Of ihrer Best Ofs.

Wahrscheinlich folgt all dies ein wenig dem ewigen Streben des Menschen nach Verbesserung. Doch eigentlich buhlt in  dieser Welt der Superlative jeder nur um die Aufmerksamkeit der Masse, indem er versucht, einen noch superlativistischen Superlativ zu finden als jenen, den der Kollege benutzt hat.

Das Komische an der ganzen Geschichte: ich würde die Videos und Geschichten auch anklicken, wenn sie einfach mit “Mittelfeldspieler trifft aus 78 Metern” oder “Torwart schießt Abstoß ins eigene Toraus” betitelt wären. Zugeben, das klingt nicht ganz so fetzig, aber man wüsste wenigstens, was einen Tolles erwartet! So klicke ich Videos an, bin enttäuscht, weil das Tor gar kein Traumtor war und der Superlativ mal wieder deplaziert und merke mir, dass ich mich demnächst nicht mehr von der künstlichen Überhöhung werde blenden lassen.

Zurück zu Kumbela: In der gleichen Kicker-Ausgabe blätterte ich weiter, um genau zu sein, eine Seite weiter. Dort stand ein kurzer Beitrag zur Entlassung von Jürgen Seeberger bei Darmstadt 98. Der Autor erwähnte, dass 98-Präsident Rüdiger Fritsch kurz zuvor noch gesagt hatte, sein Klub sei „wohl noch nie so professionell betreut“ worden wie von Seeberger. Es sind also nicht nur die Journalisten, die für die Superlativierung zuständig sind. Warum reicht es nicht zu sagen, dass die Lilien aktuell von Seeberger sehr professionell betreut werden? Weiß Fritsch, ob die Darmstädter nicht 1905 oder 1938 für die damalige Zeit noch professioneller betreut wurden als heute?

Ich weiß, es sind Floskeln – und es ist immer leichter mit Superlativen zu arbeiten als nach einem passenden Vergleich oder einer wirklich guten Formulierung zu suchen. Aber es wäre unglaublich wohltuend, wenn diese Floskeln mal wieder sprachlich etwas heruntergekühlt würden.

Anmerkung: Die Screenshots sind natürlich eine beliebige Auswahl – ein Querschnitt der Online-Medien – es könnten genauso gut spiegelonline, sport1 oder bild.de für Beispiele bemüht werden.
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Trackbacks Comments
  • Ulkomaalainen

    In der Tat eine der notwendigsten Aufklärungen seit der Erfindung des Superlativs. Wobei sich die Problematik schon früher, bei ernsteren Themen, zeigte: der Super-Größte-anzunehmende-Unfall von Tschernobyl etcetera.

    Kleine Anmerkung: vor lauter Superlativen hat sich ein Komparativ verschämt aus dem Artikel verdrückt – “superlativistischeren”, oder?

    • Wir

      Beim Super-GAU ist das Super ausnahmsweise mal wirklich angemessen.
      Der GAU (oder Auslegungsstörfall) bezeichnet nämlich gerade den größten Unfall den man beim Entwurf der Sicherheitssysteme annehmen konnte und auf den die Systeme ausgelegt sind.
      Ein Super-GAU (auslegungsüberschreitender Störfall) ist also ein Zwischenfall, der über (lat. super) das hinausgeht wofür die Systeme ausgelegt sind und der folglich zu Strahlungsfreisetzung, Kernschmelze etc. führt.
      (Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Auslegungsst%C3%B6rfall)

  • “‘Ich fühle mich fitter und besser als je zuvor’, sagt Braunschweigs Deutsch-Kongolese”. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! So weit ist es schon gekommen, dass ein Zeitungsredakteur einen Superlativ nicht mal mehr als solchen erkennt, weil es nicht der maximalst vorstellbare Superlativ ist.”

    Lieber Autor, “fitter” und “besser” sind Komparative und keine Superlative. Den Superlativ “maximalst” gibt es nicht, mehr als maximal geht eben nicht. Es ist schade, wenn jemand über etwas schreibt, von dem er nichts versteht.

    • Markus Reutter

      Hallo Claus Meyer,

      jetzt muss ich aber doch mal rumstänkern.

      Wenn man schon den Vorwurf bringt, jemand schreibe über etwas, von dem er nichts versteht, sollte man selbst um so vorsichtiger sein.

      Deshalb eine kleine Nachhilfestunde in Deutsch.

      Natürlich sind, lieber Claus Meyer, “fitter” und auch “besser” Komparative.

      In Verbindung mit “als je zuvor” handelt es sich zwar um keinen
      grammatischen, wohl aber um einen semantischen Superlativ, denn was bitte bedeutet “fitter und besser als je zuvor” anderes als ganz einfach “am fittesten und am besten”.

      Und wer die Ironie in der Verwendung des Wörtchens “maximalst” nicht erkennen will, der muss sich wirklich fragen lassen, ob die deutsche Sprache wirklich seine Muttersprache ist.

      • Markus Reutter

        Und das war jetzt ein stilistischer oder, wohlwollender ausgedrückt: ein redaktioneller Totalausfall meinerseits.

        Denn ein “wirklich” hätte auch wirklich gereicht, wenn überhaupt, wo es ja gerade um die Kritik an inflationärer Verwendung von verstärkenden Begriffen geht.

        Wirklich aber auch!

    • Kenner der Materie

      Peinlich, wenn schon klugscheißen, dann richtig: grammatikalisch mag das Wort “besser” durchaus ein Komperativ sein. Semantisch (!) ist die Phrase “besser als je zuvor” jedoch ein Superlativ. Und darum geht es in diesem Artikel.

    • Frank B

      Lieber Herr Meyer,

      und sie verstehen keinen Spaß!

  • Philipp

    Das war der beste Blogeintrag seit langem!

    Spaß ;-)

    Ich denke, es ist wie Sie sagen: Wie nahezu überall gibt es auch im Journalismus – gerade online – ein absolutes Überangebot, ganz zu schweigen vom Überangebot an Fußballclips und -geschichten und -interviews und -analysen.

    Insofern gibt es natürlich den Zwang, mit Superlativen rauszustechen und seinen Content zu promoten. Ironischerweise würde ein Titel ohne Superlativ heutzutage viel mehr ausstechen. Vielleicht verstehen das ja zukünftig noch mehr Journalisten.

    In diesem Sinne: Auf eine bessere Zukunft (möge sie vielleicht auch nicht die beste sein…) ;-)

  • Madoc

    Naja. Da ist ja auch kein Superlativ drin. “Besser als je zuvor” ist unb bleibt Komparativ.

    • Markus Reutter

      Naja. Da ist ja auch kein grammatischer, wohl aber ein semantischer
      Superlativ drin. Denn was bedeutet “besser als je zuvor” anderes als “am besten”?

    • Kenner der Materie

      Wiegesagt. Überleg doch mal den Zusammenhang zwischen “besser als je zuvor” und “am besten”, im Bezug auf ihre Bedeutung. Genau: sie ist identisch. Erstere Phrase wirkt durch die “je”-Zeitlosigkeit sogar noch ein bisschen reißerischer, imo.

      Genau dieser Punkt ist ja ein besonders Perfider an der Sache: die Schreiberlinge kapiereren ganz genau, dass sie immerzu den gleichen Mist schreiben, und ihre Begriffe sich abnutzen. In ihrer Verzweiflung suchen sie dann nach “neuen” Phrasen, mit der Sie den immergleichen Senf umschreiben können, ohne dass es jemand merkt (QED: Kommentare hier)

  • heb

    schlimmer als diese ewigen superlative find ich tatsächlich den inflationären gebrauch von hyperlativen. auch wenn es inzwischen in den alltagssprachgebrauch übergegangen ist, bei der einzigsten lösung oder der bestmöglichsten lösung rollen sich mir immer wieder die fußnägel hoch.

  • Frank B

    Sie sprechen mir aus der Seele.

  • Ewald Walder

    Zu diesem Artikel kann ich, wie auch schon erwähnt wurde, nur sagen – sie sprechen mir aus der Seele. Ja – Hyperlative – genau ! Ja es wäre schön wenn im Journalismus wieder mal versucht würde diese Begriffe mit sinnvollen, passenden Sätzen zu beschreiben. Aber das würde vermutlich etwas Mehrarbeit beim Gestalten eines Artikels bedeuten.
    Grüsse aus der Schweiz …

  • pippipause

    Angemerkt sei von mir, daß ich die Redewendundung “aller Zeiten” auch für hochnotpeinlich verschwafelt halte.
    Da ich nicht mehr schreiben mag (das I-net wird ja so schnell voll), verweise ich auf diesen Blog-Eintrag zum Thema:
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-allerzeitenste-liste-aller-zeiten/

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