Und täglich grüßt das Jubeltier – über den Unsinn ständiger TV-Schalten auf die Fanmeilen
Viel ist während dieser Europameisterschaft über die Fernsehdarbietungen der Öffentlich-Rechtlichen geschrieben worden – insbesondere über das Duo Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn, die vor der Strandkulisse von Usedom einem Klatschpappenpublikum viel Show mit ein bisschen Inhalt bieten (um mal in etwa freundlich zusammenzufassen, was so geschrieben wurde). Nun mag man über die Einspielbeiträge und Expertengespräche denken, was man möchte – eines jedoch geht den Sportsaal-Redakteuren dermaßen auf den Geist, dass dazu mal ein paar Worte verloren werden müssen.
Nach jedem Deutschlandspiel (ab und zu auch nach anderen Spielen), auf allen Sendern, werden Bilder von den Fanmeilen aneinandergereiht, um zu demonstrieren, was für eine irrsinnig tolle Stimmung in Deutschland herrscht. Erster Halt, Berlin: Dann steht oft eine von Fußball geistig weit entfernte Reporterin auf einem Podest über der Fanmeile und sagt mit vor Spannung zitternder Stimme: “Und so haben die Berliner das 1:0 miterlebt”. Dann sieht man aus der Froschperspektive lauter gebannt starrende Menschen, die langsam die Arme heben und dann in Jubel ausbrechen. Den Jubel sieht man etwa fünf Sekunden (meistens wird noch gezoomt; auf zwei schwarz-rot-Gold-Freundinnen, die ihren unzähmbaren Jubel durch affektiertes Klatschen und Küsschen-rechts-Küsschen-links ausdrücken).
Dann ein Bildschnitt: Jetzt das 2:1 für Deutschland. Wieder gucken alle Leute gebannt Richtung Leinwand, die der Zuschauer nicht im Bild hat. Plötzlich flippen alle aus. Zoom diesmal auf den 16-jährigen Schmalhans, der seine zwei Kumpels in den Jubel-Schwitzkasten nimmt. 3:1, 4:1, Jubel in ganz Berlin, immer wieder die Arme hochreißende Public Viewer, immer natürlich ein ganz anderer Jubel – hochspannend für den Zuschauer. Dann nochmal die Dame Reporterin, “tolle Stimmung, alle happy, so voll war’s noch nie”.
Es folgen die selben Bilder aus Frankfurt, Dresden, München, Saarlouis, Ludwigshafen, Unterpriemelsheim und von der Militärbase in Kundus – dann noch ein paar Bilder, wie die Fans in Gera, Konstanz und Greifswald die Gegentore miterlebt haben (immer schauen ein paar Anjas und Tanjas übertrieben schockiert, obwohl das Spiel bei 4:2 eigentlich entschieden ist). Nach 37 Städten kommt dann endlich wieder Usedom – eine rasante Kamerafahrt über den Strand mit toll geschminkt und kostümierten Partypeoples, die auch noch mal (acht Stunden nach Spielabpfiff) in totale Ekstase geraten.
Aber das alles ja nicht nur im ZDF. Auch in der ARD, RTL aktuell, Vox Nachrichten, bei Phoenix, n-tv oder im Kinderkanal. WARUM? Und wer dann nicht schon genug immer gleich aussehende Jubelbilder gesehen hat, wird noch mit 20-30 Minuten Autokorso verwöhnt. Verwackelte, zu dunkle Bilder aus beliebigen deutschen Innenstädten, immer mit der witzigen Einblendung einer mindestens vierköpfigen Fancrew, die eine große Deutschlandfahne spannt, unter der die tosenden Autos hindurchgleiten. Geil! Nie gesehen! Immer wieder neu!
Ich tue mir sehr schwer damit, eine Erklärung dafür zu finden, warum seit 2006 immer wieder diese institutionalisierten Aufbackbilder durch den Äther strömen. Ich kann es nicht mehr sehen! Neuester Trend übrigens ist es, dass ein Fernsehsender irgendwo in den Karpaten zum Gruppengucken in eine ***beliebiger TV-Sender*-Sportsbar einlädt, um dort 300 Leuten, die nicht wirklich aussehen wie Fußballfans, Speis und Trank zu spendieren. Im Gegenzug darf der Sender das ganze Spiel über eine Kamera direkt vor den Zuschauern postieren und hinterher völlig sinnfreie Statements der Leinwandstarrer einfahren, die dann alle sagen, dass Sender xy eine super Sache ist und ihren Senf zum Spiel abgeben.
Das ist die nächste Unsitte: was sollen mir diese Gestalten zum Spiel erzählen, was ich nicht schon weiß oder was mir kein Experte sagen kann? Gut, das ist meistens auch nicht das Ziel der Befragten. Deren Ziel ist es, der Welt Dinge mitzuteilen wie “Jaaaaaaaaaaaaaaa, geil ey, Deutschland die besten, jaaaaaaaaaaa” oder aufs Wesentliche reduziert “Deutschlaaaaaaaaaaaand” oder dann doch mal das große Latinum “die Italiääner machen wir sowas von platt, 3:0, jaaaaaaaa”. Ziele der Befragten wären damit weitestgehend geklärt. Aber was ist das Ziel der Fragenden?
Ich weiß nicht, wer den Intendanten der großen Fernsehanstalten erzählt hat, dass all das Armehochreißenkreischenklatschenauffanmeilen interessanter Fernseh-Content wäre. Natürlich schaue auch ich Fußball, weil ich ab und zu eine Gänsehaut bekomme, wenn bei einem Tor ein Fanblock – ja ein ganzes Stadion – explodiert. Aber das finde ich auch nur während des Spiels toll, weil der Reiz eines Fußballspiels immer auch das Warten auf diese Explosion ist. Nach dem Spiel ist das obsolet. Im Fernsehen hat man den Eindruck, nach dem Spiel geht der Jubel erst so richtig los.

