Derhatschongelb spielt Blindenfußball oder “Der Blinde unter den Blinden”

Sportsaal-Autor Derhatschongelb wollte es wissen: Hat man als sehender Fußballer gegenüber blinden Spielern einen Vorteil, weil man die Maße des Platzes und die Tiefe des Raumes kennt? Um das zu überprüfen hat er sich vor einiger Zeit eine Augenbinde übergestreift und mit der Kölner Blindenbundesligamannschaft trainiert. Ein ziemlich ernüchternder Spielbericht.

 

Schon bei meinem ersten Trainingsspiel mit meiner neuen Mannschaft darf ich die Binde überstreifen. Allerdings nicht die Kapitänsbinde – sondern eine Augenbinde. Das ist nur gerecht, denn der Rest meiner Mannschaft ist blind. Die meisten sehen überhaupt nichts. Einige können noch hell und dunkel unterscheiden und müssen deshalb auch eine Binde aufsetzen, um keinen Vorteil zu haben. Es geht auf den Platz – ein Hallenspielfeld in der Kölner SoccerWorld. Ich bin aufgeregt. Wie werde ich mich schlagen?

1 ½ Stunden lang habe ich zuvor Einzeltraining bekommen, eine galante Einführung von einem der beiden – sehenden – Trainer. Lauftraining, Dribbling, Passen. Es fühlte sich ganz gut an. Aber das lief alles in einem schmalen Korridor ab. Jetzt geht’s aufs große Feld. Trainer Dieter gibt mir noch mit auf den Weg, dass er sich bei seinem ersten Blindenspiel „fast in die Hose gemacht hätte“. Das macht natürlich Mut.

Ich setze die Augenbinde auf – um mich herum wird alles dunkel. Es sind nicht mal mehr Schemen zu erkennen. Ich spiele auf der rechten Seite – direkt an der Bande. Ein Orientierungspunkt in der Orientierungslosigkeit. Wenn „Angriff“ gerufen wird, soll ich vorrücken. Bei „Ballverlust“ soll ich mich zurückziehen. Wenn ich den rasselnden Ball näher kommen höre, muss ich „Voy“ schreien, damit mein Gegenspieler weiß, dass ich in der Nähe bin. Ich taste mich an der Bande entlang. Wir haben Anstoß. Glaube ich zumindest.

Blindenfußball

Derhatschongelb gefangen in der Orientierungslosigkeit

Ich rufe “hier” und Jens, unser Sturmtank, ruft zur Bestätigung zurück, dass er den Ball jetzt zu mir spielt. Mein Herz pocht. Jetzt bloß nichts falsch machen. Immerhin spielen diese Jungs in der Bundesliga. Ich höre, wie der Ball von Jens’ Fuß abprallt. Das Rasseln kommt näher. Wo ist mein Gegenspieler? Ich kann seinen Atem nicht hören. Der Ball titscht gegen meinen Fuß, ich versuche meine Sohle darauf zu stellen. Ich hab ihn! Unglaublich! Ich bin der König der …Der Ball ist schon wieder weg. Mein Gegenspieler hat ihn mir einfach abgenommen.

Ich rufe „Ballverlust“ und bewege mich wie ein Maulwurf an der Bande entlang in die Abwehr. Mein Gegenspieler ist sicher längst nach vorne gesprintet. Er heißt Mustafa und hätte ohne Augenbinde noch 0,5% Sehkraft. Aber wie hat er das eben gemacht? Ich hab den Ball doch ganz ruhig gehalten, ohne Rasseln. Die Jungs scheinen einen eingebauten Kompass im Kopf zu haben. Unser Linksaußen Michael (Anm. der Red.: Nationalspieler) hat mir vor dem Spiel erklärt, dass er immer genau weiß, wo er sich gerade befindet auf dem Platz. Ich traue mich hingegen kaum, die Hand von der Bande zu nehmen.

Alle rufen sie durcheinander. „Hier“, „Ja“ oder irgendwelche Namen. Ich rufe auch, aber ich weiß gar nicht, ob wir gerade den Ball haben oder der Gegner. Ich rufe einfach irgendwas. Ich – gelernter sehender Fußballer – fühle mich wie der Blinde unter den Blinden. Ab und zu ruft einer „Niko“. Dann rufe ich „hier“. Und manchmal bekomme ich dann sogar den Ball. Hören und stoppen, das klappt ganz gut. An Dribbling ist aber kaum zu denken. Die Gegner gehen knallhart in den Zweikampf. Und sie sind immer schon da, wenn ich irgendwo Lunte gerochen habe.

Der Gegner geht in Führung, mein Team gleicht aus. Zumindest hört es sich so an. Ich halte mich weiter mit einer Hand an der Bande fest, die andere Hand wischt mir den Angstschweiß aus dem Gesicht. Bloß keine Kollision mit einem Gegenspieler. Ich möchte ja niemandem wehtun. Vor dem Spiel gab es noch irgendwelche Schaudergeschichten über Jochbeinprellungen. Es steht immer noch 1:1. Offensiv reiße ich hier sowieso nichts. Also versuche ich, wenigstens defensiv Mustafa nicht mehr durchzulassen.

Blindenfußball

Der Gegenspieler ist entwischt. Kurz darauf klingelt es im Kasten.

Ich nehme die Hand von der Bande und taste nach ihm. Er brüllt dauernd, fordert den Ball von seinen Mitspielern. Ich folge dem Brüllen und hefte mich an seine Fersen. Ich nehme ihn in den Infight. Dann kommt der Ball. Er läuft an uns vorbei und prallt irgendwo hinter uns an die Bande. Ich gehe Schritt für Schritt in die Richtung des Balles. Mustafa ist längst schon da. Als ich die Bande erreiche, schiebt er sich an mir vorbei. Er muss jetzt fast in der Ecke sein. Aber wo bin ich? Ich bleibe stehen, verliere völlig die Orientierung. Sekunden später ruft mein Torwart: „Tor“. Und von der anderen Seite dröhnt es: „Super, Mustafa, tolles Tor“. Ich hätte das tolle Tor auch gerne gesehen. Oder erahnt. Ich dachte, ich hätte ihn vielleicht wenigstens erfolgreich abgedrängt. Wir verlieren 1:2.

Ich bekomme insgesamt so 10 bis 15 Mal den Ball. Aber ich weiß ja auch gar nicht, wohin ich passen kann, um einen Mitspieler zu erreichen. Wenn ich den Ball kriege, schreien eh alle durcheinander. Also versuche ich diagonal nach vorn zu spielen. Das habe ich doch von Klinsmann und Löw gelernt. Direkt gibt es den Anschiss vom (nicht blinden) Torwart: „Keine Querpässe, Niko!“. Ich bekomme aber keine Chance mehr, es besser zu machen. Mein Abwehrchef verletzt sich unter dem Auge, trotz aufgesetztem Kopfschutzes. Immerhin bin ich nicht schuld. Das Spiel ist aus.

Ich setze die Augenbinde ab. Die anderen sind total verschwitzt, müssen richtig über das Spielfeld gefegt sein. Mir ist kalt. Auch auf dem Blindenfußballplatz weht ein rauer Wind und ich hab mich nicht gegen ihn stemmen können. Klar, die anderen bescheinigen mir eine „gute Leistung“. Aber die Zuschauer sagen, sie hätten meine Tempodribblings vermisst. Ich behaupte, ich hätte versucht, für die Galerie zu spielen – hätte nicht nur auf das Ergebnis geschaut. Das ist natürlich gelogen. Aber zum Glück kann ja keiner sehen, wie es in mir drin ausschaut.

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