Torrichter ohne Torriecher
Seit drei Jahren stehen sie in Habachtstellung an der Torauslinie und beugen sich stets halbbucklig nach vorne, wenn das Spielgeschehen in ihre Nähe kommt: die Torrichter. Zwei an der Zahl. Sie erhöhen die Zahl der Unparteiischen im Fußball auf sechs, sie sollen nichts anzeigen, sondern nur bei der Entscheidungshilfe helfen und sind über Mikrofon mit dem Referee verbunden. Was aber machen sie genau – wann kommen sie zum Einsatz – was ist ihr Vorteil? In der Theorie sollen sie vor allem in kniffligen Fragen im Strafraum den Blick des Schiris schärfen. Ihr Name impliziert außerdem, dass sie es sein sollen, die entscheiden, ob ein Ball über der Linie war oder nicht. Menschliche Torlinientechnologie.
In der Praxis sieht das dann so aus: der Kroate Mario Mandzukic will in den Strafraum eindringen und dafür den Ball aus der Luft holen. Auf der Strafraumlinie wird Mandzukic vom Spanier Sergio Ramos in bester Martial-Arts-Manier weggewischt. Mandzukic krümmt sich auf dem Boden. Direkt daneben: Torrichter Florian Meyer. Er guckt in der Szene so schneidend, als wolle er beide Spieler dazu überreden, ihm die Wahrheit über diesen Zweikampf telepathisch zukommen zu lassen. Alle Zuschauer rechnen damit, dass er dem Schiedsrichter Wolfgang Stark nun signalisiert, dass direkt vor seinen Augen ein elfmeterwürdiges Foul stattfand. Doch er tut es nicht. Gut, damit wäre bewiesen: die Torrichter werden nicht eingesetzt, um Fouls im Strafraum anzuzeigen.
Praxistest Nummer 2: Der Ukrainer Marko Devic stürmt auf das Tor der Engländer zu. Sein Schuss wird von Tormann Joe Hart noch abgelenkt und von John Terry anschließend von der Linie gekratzt. Der Torrichter steht unmittelbar daneben. Er gibt seinem Chef auf dem Platz wohl durch, dass der Ball nicht drin war, denn der Schiedsrichter deutet an, dass weiter gespielt werden soll. Einziger Schönheitsfehler: Die TV-Bilder belegen ziemlich deutlich, dass der Ball in vollem Umfang über der Linie war. Und der Mann vor Ort hat es wieder nicht gesehen. Der Torrichter scheint also auch kein richtiger Tor-Richter zu sein.
Wozu sind sie dann da? Natürlich kann jeder mal Fehler machen, aber das kann der Schiri auch genau so gut alleine, dafür braucht er keinen Torrichter, da reichen auch die Linienrichter. Vielmehr ließe sich bei ausgereifter Technik auch mal über die Einführung des Chips im Ball diskutieren. Aber bis diese ausreichend getestet ist, bleibt wohl der Torrichter stehen, über dessen Zukunft die UEFA am 2. Juli mal wieder diskutieren will. Man könnte meinen, die beiden Praxisgeschehnisse der EM könnten für die Abschaffung der Torrichter sprechen. Doch die Vergangenheit lehrt: das scheint ziemlich egal.
(Video via Jens Weinreich)
Praxistest 3 und 4 kommen aus der diesjährigen Saison der Europa League. Zunächst in Enschede, wo Schalke 04 im Einsatz war. Joel Matip verfolgt seinen Gegenspieler als letzter Mann. Der Holländer fällt kurz vor dem Strafraum. Am nähesten dran: der Torrichter. Der Schiedsrichter pfeift Foul, gibt Matip die Rote Karte und Elfmeter. Der Torrichter schweigt. Dabei zeigen die Fernsehbilder: es war weder ein Foulspiel (Matips Gegenspieler tritt sich selbst in die Hacken), noch im Strafraum. Bizarr. Genauso unglücklich die Beteiligung des Torrichters beim Spiel Hannover 96 gegen den FC Brügge. Die Hannoveraner liegen 0:1 hinten, als Lars Stindl im Strafraum einen Zweikampf an der Torauslinie gewinnt und zum 1:1 auflegt. Hannover jubelt. Nur der Schiedsrichter hat etwas dagegen. Er pfeift Stindls Einsatz als Foul ab, ein Witz. Der direkt daneben stehende Torrichter müsste hier eingreifen. Tut er aber nicht. Minifazit: fürs Schiedsrichten sind die Torrichter nicht unbedingt da.
Dennoch wurden die Torrichter bis jetzt beibehalten. Sie müssen also unsichtbar perfekte Arbeit abliefern. Nur kann die leider niemand erklären. UEFA-Präsident Platini und seine Lakaien quatschen ständig davon, wie zufrieden sie mit der Arbeit der fünften und sechsten Offiziellen sind. Menschen würden weniger Fehler machen als Maschinen. Oder um es mit den Worten von Roy Hodgson, dem englischen Nationaltrainer auszudrücken: “Es wurde immer kontrovers über die Einführung einer technischen Lösung diskutiert, aber UEFA-Präsident Michel Platini hatte in diesem Fall [Anm. der Red.: Hier sind die Torrichter gemeint] absolut recht”, sagte Hodgson 2010 als Trainer des FC Liverpool. Heute hat er von dieser Regelung profitiert.
Die FIFA hat in einigen Testspielen vor der EM schon eine Torlinientechnologie getestet. Die UEFA sperrt sich dagegen. Stattdessen fanden noch vor dieser EM spezielle Übungen für Schiedsrichter und Torrichter statt. Die UEFA will erst gar keine Diskussion um ihre Referees aufkommen lassen. Für morgen ist eine Pressekonferenz mit UEFA-Schiri-Chef Pierluigi Collina angesetzt. Spannend, ob die UEFA dann zu den Torrichtern schweigen kann/wird.

