99 Fragen an die neue Tennis-Saison [Teil 1]

Eine Wettbude im Kölner Norden am frühen Samstagmorgen, die neue Tennis-Saison hat sich diesen Ort ausgesucht, um mit Sportsaal-Reporter Klaus von Uslar zu sprechen. In einem luftigen Sommerkleid kommt sie durch die Tür und checkt erst mal die Auslosung der Australian Open, bevor sie den Reporter überhaupt grüßt. Sie lacht ein paar Mal laut auf, als sie interessante Erstrundenpartien entdeckt, dann setzt sie sich und erzählt nochmal, warum sie dieses Interview unbedingt habe geben wollen, so kurz nach ihrem Amtsantritt.

Schluss soll sein mit der Kritik an ihr, nach gerade einmal zwei Wochen. Die einen meckern, dass die physischen Anforderungen zu hoch seien, andere beklagen, dass sie insgesamt viel zu lang sei. Wer halbwegs fit ist, findet trotzdem Schwächen in ihrem Charakter – Rafael Nadal kritisierte erst gestern, dass die neue Tennis-Saison viel zu viel Hardcourt-Tennis beinhalte. Von allen Seiten prasselt es auf sie ein. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

1. Gut ins neue Jahr gekommen?

Geht so. Die letzten Dezember-Wochen waren schwierig, fühlten sich irgendwie leer an. Und dann startet man ins neue Jahr und alle haben schon wieder so hohe Ansprüche an einen, dabei muss man ja auch erst mal mit der neuen Aufgabe zurechtkommen.

2. Haben Sie sich mit Ihrer Vorgängerin ausgetauscht?

Ja, natürlich. Es ist ja nicht so, dass ich nicht auf die Kritik vorbereitet war. Die alte Tennis-Saison hatte mich schon gewarnt, viele Spieler beklagten ja auch bei ihr schon, dass sie viel zu lang sei und verkürzt werden müsse. Letztendlich hatte sie noch Glück, nur die Damen-Tour wurde um zwei Wochen verkürzt im Vergleich zu 2010.  Aber ich muss jetzt auch auf der Herrentour zwei Wochen weniger verkraften, werde schon ab Mitte November zur “lame duck” ohne wirkliche Aufgabe.

3. Haben sie schon nach zwei Wochen keine Lust mehr?

Doch, klar. Was soll denn die Frage? Ich liebe den Tennissport, ich kann nur nicht verstehen, dass in dieser Saison bereits so früh so negativ berichtet wird über Verletzungen, dass alle sich beklagen und mir die Schuld geben. Dabei ist die Schuld doch eher bei meinem Vorgängern zu suchen. Und bei der unklugen Turnierplanung mancher Spieler, die zwar über die kräftezehrende Saison klagen, dann aber in freien Wochen doch wieder Exhibitions spielen.

4. Andy Murray?

Naja, er ist ja nicht der einzige, aber natürlich der bekannteste von diesen Nörglern. Ich bin gespannt, wie er sich dieses Jahr schlägt und ob der neue Trainer [Ivan Lendl/Anm.] ihm beibringt, wie man etwas offensiver spielt. Wenn nicht, dann wird es auch in dieser Saison wieder nichts mit einem Grand Slam-Titel.

5. Wer ist denn ihr Top-Favorit bei den Australian Open?

Novak Djokovic natürlich. Da brauchen Sie sich doch nur umzudrehen, die Buchmacher liegen meistens richtig. Und der Serbe ist wohl auch körperlich wieder voll da, während Roger und Rafa [Federer und Nadal/Anm.] so ihre Probleme haben. Roger zum ersten Mal seit langer Zeit mit dem Körper, Rafa hingegen, weil er sein Spiel umstellt.

6. Und ihre Geheimfavoriten?

Milos Raonic. Wie ich eben gesehen habe, hat er eine schwere Auslosung. In der dritten Runde könnte er auf Andy Roddick treffen, aber der hat seine besten Tage hinter sich. Und im Achtelfinale droht dann schon das Aufeinandetreffen mit Novak Djokovic.

7. Haben Sie sich das alles eben so schnell gemerkt, als sie die Auslosung überflogen haben?

Ja klar. In meiner Position muss man sowas quasi inhalieren, sonst ist man für den Job als Tennis-Saison nicht geeignet.

 

Selbstbewusst ist sie, die neue Tennis-Saison. Nach dem bockigen Beginn wirkt sie nun freundlicher. Seit es um die Materie selbst geht und nicht mehr um sie, wirkt sie wie ausgewechselt. Sie hat ihre schlechte Laune vergessen und denkt jetzt nur noch an Tennis. Es fehlt ihr jetzt eigentlich nur noch eine Nerd-Brille.

 

8. Wieso haben Sie sich denn die Auslosung nicht live angeschaut?

Ach, wissen Sie, das ist doch langweilig. Da macht der Computer doch heutzutage den größten Teil, und dann zieht irgendein Ex-Tennisstar da ein paar Nummern aus einer Lostopf und setzt die gesetzten Spieler auf irgendeinen Platz. Das ist eine der großen Baustellen in dieser Saison, das muss unbedingt besser werden. Ich habe mir da lieber ein paar Qualifikationsspiele angeschaut, die Auslosung sehe ich ein paar Stunden später ja sowieso.

9. Und, ist was vielversprechendes dabei?

Laura Robson hat mir gut gefallen. Die junge Britin hat keinen Satz verloren in ihren drei Quali-Spielen. Nächste Woche wird sie 18 Jahre alt, die hat wirklich Potential. Und sie scheint sich auch von den britischen Medien nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen.

10. Und bei den Herren?

Junge Hoffnungsträger gibt es da wenige. Liegt wohl auch daran, dass die körperlichen Anforderungen da immer größer werden, das ist für junge Leute ganz schwer, sich da auf Anhieb durchzusetzen. Gefreut habe ich mich aber, dass Frederik Nielsen sich ins Hauptfeld gespielt hat. Der ist zwar schon 28 Jahre alt, liebt den Tennissport aber so wie ich.

11. Im Gegensatz zu Serena Williams?

Ach, die soll doch sagen, was sie will. Sie spielt ja doch immer wieder, und nach ihrem Comeback hat sie geweint vor Freude, dass sie wieder auf dem Tennisplatz stehen darf. Ich mag sie persönlich nicht sonderlich gerne, aber ohne sie wäre es eben auch deutlich langweiliger auf der Damentour.

 

Die neue Tennis-Saison antwortet in langen, druckreifen Sätzen, hat aber auch nur zwei Stunden Zeit mitgebracht, bevor sie am Samstagnachmittag von Frankfurt nach Melbourne fliegt. Nachdem sie sich aus dem benachbarten Cafe Erdbeeren mit Sahne geholt hat, konfrontiert der Reporter sie mit kürzeren Fragen.

 

12. Andre Agassi oder Pete Sampras?

Beide.

13. Sabine Lisicki oder Andrea Petkovic?

Beide.

14. Kim Clijsters oder Justine Henin?

Beide.

15. French Open oder Wimbledon?

Beide.

16. Ein Challenger-Finale in Taschkent oder ein Hardcourt-Erstrundenduell zwischen zwei Sandplatzwühlern?

Beides.

 

Okay, das führt zu nichts, die neue Tennis-Saison mag sie alle. Wir müssen ihr anders näher kommen.

 

17. Freuen Sie sich schon auf Wimbledon?

Natürlich. In diesem Jahr gleich doppelt, erst Wimbledon, dann die Olympischen Spiele am gleichen Ort. Toll!

18. Ist das nicht langweilig, zwei Mal in so kurzer Zeit?

Sie haben doch keine Ahnung. Es wird wunderbar und chaotisch. Zwischen Wimbledon und Olympia sind dann auch noch Sandplatzturniere. Ich bin ja mal echt gespannt, wer da spielt. Das ATP-Turnier, das in den vergangenen Jahren am schlechtesten besetzt war, Newport, wird sicher vor guten Spielern platzen, die alle ihre Rasenform irgendwie konservieren wollen. Toll, so etwas zu sehen.

19. Michael Stich wird es nicht freuen als Turnierveranstalter in Hamburg. Haben Sie Mitleid?

Geht so. Der deutsche Tennisverband hat sich mit der ganzen Klagerei nach der Herabstufung des Masters-Events keine Freunde gemacht. Mitleid bekommt er von mir keines.

20. Das deutsche Herrentennis in einem Wort?

Hoffnungslos.

21. Und das deutsche Damentennis?

Hoffnungsvoll.

22. Andrea Petkovic?

Schade, dass sie die Teilnahme an den Australian Open absagen musste und jetzt acht Wochen pausieren muss, aber es wird nicht das letzte Mal sein. Ihr körperbetontes Defensivspiel wird sie spätestens mit 28 zum Karriereende zwingen. Sie hat auch zu viele andere Interessen, als dass sie zu lange am Tennissport festhalten wird. Andrea Petkovic könnte die Magdalena Neuner des Tennissports werden.

23. Sabine Lisicki?

Das personifizierte Auf und Ab. Alles ist möglich, Wimbledon-Sieg oder sechs Monate Verletzungspause, Weltranglistenplatz 1 oder Weltranglistenpaltz 281 in den nächsten zwölf Monaten.

24. Mona Barthel?

Ich bin wirklich überrascht. Ihr Turniersieg in Hobart, Hut ab! Yanina Wickmayer so vom Platz zu schießen als Qualifikantin. Sie ist schon die fünfte Deutsche, die jetzt in den Top 50 steht.

25. Angelique Kerber und Julia Goerges fehlen noch. Ihre Meinung?

Bei Kerber fehlt es noch an der Einstellung. Sie lässt sich zu schnell hängen und spielt lustlos. An guten Tagen ist aber so vieles möglich, das hat das Halbfinale bei den US Open ja gezeigt im vergangenen Jahr. Mit Goerges wird vor allem auf Sand zu rechnen sein.

26. Können die deutschen Damen gegen Tschechien gewinnen Anfang Februar im Fed Cup?

Mit Goerges wird vor allem auf Sand zu rechnen sein, also warum nicht? Das Spiel findet ja in der Stuttgarter Porsche-Arena statt, genau da hat sie letztes Jahr gewonnen. Bei Tschechien hängt ja alles an Petra Kvitova. Das deutsche Team ist viel ausgeglichener und kann auch den Ausfall von Andrea Petkovic verkraften.

27. Und danach ist alles möglich?

Natürlich. Neben Deutschland haben wohl nur noch Russland und Italien eine ähnlich breite Palette an Spielerinnen zur Verfügung.

28. Italien?

Ich wusste, dass diese Nachfrage kommt. Sie Banause! Flavia Pennetta, Francesca Schiavone, Roberta Vinci, Sara Errani. Alle in den TOP 50.

29. Glauben Sie, dass irgendjemand dieses Name-Dropping lesen will?

Nein, aber sie zwingen mich ja dazu. Ein Interview besteht ja nicht nur aus Antworten.

30. Wenn Sie einem beliebigen Tennisspieler eine Frage stellen könnten, wer wäre das und was würden Sie fragen?

Na, geht doch (überlegt lange). Wenn ich eine ehrliche Antwort bekommen würde, dann würde ich Nikolay Davydenko fragen, wie er das damals gemacht hat mit der Spielabsprache in Sopot.

31. Und wenn Sie einen Spieler um etwas bitten könnten?

Dann würde ich Victoria Azarenka bitten, nicht mehr so laut zu stöhnen. Und sie bitten, die gleiche Anfrage auch an Maria Sharapova weiterzuleiten.

32. Ihr Lieblings-Schiedsrichter? 

Steve Ullrich. Er sagt den Spielstand nicht nur an, er gibt auch immer eine Wertung mit ab. Wenn Roger Federer drei Breakbälle gegen sich hat gegen, sagen wir, Alejandro Falla, dann klingt das bei ihm ganz anders, als wenn Federer selbst drei Breakbälle hat. Er kann die Erwartungen mit in seine Stimme aufnehmen. Toll sind aber auch die Overrules von Mohamed Lahyani, der immer auch zeigt, wie sicher er sich ist dabei. Manchmal sagt er den Spielstand besonders schnell an, wenn er sich ganz sicher war, dass ein Ball im Aus ist.

33. Was halten Sie vom Hawk Eye?

Als Tennis-Saison bin ich erst mal Traditionalistin und gegen alle Veränderungen. Aber das Hawk Eye ist trotzdem eine gute Erfindung.

34. Warum?

Weil es für Gleichheit auf dem Platz sorgt. Kein Spieler wird benachteiligt, wenn er gegen einen Spieler mit Heimvorteil ran muss. Und kein Spieler kann sich hinterher mit schlechten Line Calls rausreden, wenn er verloren hat. Außerdem kann man sehen, ob die Linienrichter ihre Arbeit gut machen. Und langfristig sieht man auch, welcher Schiedsrichter gut ist und welcher nicht.

35. Kritiker sagen, dass die Stuhlschiedsrichter sich seitdem zurücklehnen. Stimmt das?

Es gibt solche und solche. Manche bekommen ja das ganze Spiel über keinen Ton raus und könnten auch durch einen Roboter ersetzen werden. Eva Asderaki zum Beispiel. Andere fühlen sich eher motiviert, öfter zu overrulen, weil ja im Zweifel immer noch nachgeprüft werden kann. Zweitere sind mir deutlich sympathischer.

36. Wer ist Ihnen denn unter den Spielern besonders sympathisch?

Da muss ich aufpassen. Als Tennis-Saison bin ich natürlich neutral. Aber es ist wie bei Lehrern, man hat natürlich seine Lieblinge. Mehr kann ich dazu aber nicht sagen.

37. Wer ist der aktuell der Spieler, der am meisten überschätzt wird von der Tennis-Welt?

Boris Becker.

38. Boris Becker?

Ja. Nicht wegen seiner Tennis-Leistungen. Sondern wegen der Bedeutung, die ihm immer noch zukommt abseits der Tennis-Courts. Für einen pubertären Poker-Spieler ohne richtige Aufgabe bekommt er ganz schön viel Aufmerksamkeit immer noch. Schauen Sie sich nur seinen Twitter-Account an. Furchtbar!

39. Twitter, gutes Stichwort. Gibt es denn auch Positivbeispiele?

Dinara Safina auf jeden Fall. Oder C Note, eine Tennis-Bloggerin. Sehr zu empfehlen.

40. Kommt Dinara Safina noch einmal zurück?

Ich glaube schon. Sie ist noch jung. Die Frage ist, ob sie noch genug Wild Cards erhält von den Veranstaltern, wenn sie wirklich zurückkommen will. Ansonsten muss sie ganz unten wieder anfangen auf ITF-Ebene.

 

Jetzt ist sie wieder ganz in ihrem Element, die neue Tennis-Saison. Doch ein Anruf vertreibt ihre gute Laune. In Sydney musste das Finale wegen Regens um einen Tag verlegt werden.

 

41. Schlechte Nachrichten?

Ja. Das Finale von Sydney ist zu einer Zeit angesetzt, zu der ich im Flieger sitze.

42. Ist doch nur Benneteau gegen Nieminen. Hätte doch schlimmer kommen können?

Ich bin erstaunt, dass sie das wissen. Aber trotzdem, nicht mal Livescores kann ich verfolgen, dabei habe ich den Flug extra auf den einen freien Tag gelegt. Und es macht auch keinen Unterschied, ob das Spiel nun Benneteau – Nieminen heißt oder del Potro – Hewitt. Es ist ja trotzdem ein Finale.

43. Haben Sie einen Lieblings-Tennistag?

Freitag, eindeutig. Das sind die Viertelfinal-Tage bei kleineren Turnieren. Man bekommt alle Spieler an einem Tag zu sehen, aber nicht so wenige Spiele wie bei Halbfinals oder Endspielen. Toll!

44. Und bei Grand-Slams?

Alle Tage.

45. Bei kleineren Turnieren also nicht alle Tage?

Sie haben doch vorhin gesagt, dass ich nicht immer “beide” sagen soll. Jetzt kommen sie mir so. Aber ich muss jetzt sowieso los, vielleicht bekomme ich noch eine Verbindung über Singapur und kann dort dann das Finale von Sydney schauen.

Aber wir haben noch nicht mal die Hälfte! 

Rufen Sie mich nächste Sonntag einfach an. Ich bin sicher, sie haben nach der ersten Woche der Australian Open noch viele Fragen an mich. Nutzen Sie die Zeit, schauen Sie die Spiele und stellen Sie interessantere Fragen. Da ist noch viel Potential bei Ihnen, das spüre ich!

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